Die Nacht der Gewalt

 

Vor 80 Jahren gab es in Deutschland brutale Ausschreitungen gegen Juden. Warum?

 

 

Aufräumen nach der Verwüstung: Viele Fensterscheiben wurden eingeschmissen – wie bei diesem Geschäft in Frankfurt am Main.   © dpa

 

Am späten Abend des 9. November 1938 laufen Männer in ­braunen Uniformen durch die Münchner Innenstadt. Sie sind aggressiv und zerschlagen die Schaufenster von jüdischen Geschäften. Sie dringen in die Läden ein und machen alles ­kaputt. Dann legen sie Feuer.

 

Gewalttätige Truppen sind nicht nur in München unterwegs. In ganz Deutschland zerstören sie das Eigentum von jüdischen Deutschen. Sie stürmen Synagogen, die Gotteshäuser der Juden, und stecken sie in Brand. Die Männer grölen und verhaften unschuldige Menschen. Viele werden von ­ihnen verprügelt. Es gibt auch Tote.

 

Die grausamen Attacken gegen jüdische Deutsche fanden vor 80 Jahren statt. Weil damals auf den Bürger­steigen überall zersplittertes Glas ­herumlag, das wie Kristall funkelte, sprach man lange von der »Reichs­kristallnacht«. Weil das zu harmlos klingt, werden die Vorfälle heute als »Pogrom« bezeichnet, ein anderes Wort für gewaltsame Ausschreitungen.

 

Die Männer in den braunen Uniformen gehörten einer rechtsextremen Partei an, der NSDAP. Heute werden deren Anhänger kurz »Nazis« genannt. Deutschland war damals eine Diktatur, die Macht lag in den Händen eines Mannes. Sein Name: Adolf Hitler. Er nannte sich »Führer«.

 

Hitler hatte gefährliche Überzeugungen. Er glaubte, dass die Deutschen eine »Rasse« seien: »Arier«. Er war überzeugt davon, dass die arische Rasse allen anderen Menschengruppen überlegen sei – wegen ihres Blutes. Wissenschaftlich gesehen ist das absoluter Quatsch.

 

Doch damals war es bitterer Ernst. Die Nazis bezeichneten jüdische Menschen als »minderwertig«. Juden seien »Parasiten«, »Schmarotzer« und »Bazillen«, sagte Hitler. Die verrückten Parolen des »Führers« begeisterten viele Menschen. Denn Judenhass war damals in Deutschland weitverbreitet.

 

Während der Novemberpogrome wurde die Kieler Synagoge in Brand gesteckt.  © dpa

 

Hitler kam 1933 an die Macht, von da an lebten jüdische Deutsche in Gefahr. Viele durften ihren Beruf nicht mehr ausüben. 1935 erließ Hitler ein Gesetz, das die Ehe zwischen »Ariern« und Juden verbot. Jüdischen Kindern war es verboten, in Schwimmbäder oder Kinos zu gehen. Und sie durften nicht mehr dieselben Schulen besuchen wie »arische« Kinder.

 

Jahrelang wurden jüdische Deutsche von den Nazis aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Ab 1938 nahm dann die Gewalt gegen sie zu. Während des Terrors Anfang November zerstörten die braun uniformierten Kampftruppen insgesamt etwa 7500 Geschäfte, sie schlugen auch auf Kinder und alte Menschen ein. Am Ende verhafteten die Nazis mehr als 30 000 unschuldige Juden, 1500 Menschen starben bei den Attacken.

 

Im Jahr darauf begann Hitler einen Krieg: den Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Armee überfiel fast ganz ­Europa. In den besetzten Gebieten entstanden große Gefängnislager, sogenannte Konzentrationslager. Dorthin verschleppten die Nazis jüdische Menschen aus ganz Europa – um sie zu ermorden. Insgesamt wurden über sechs Millionen Juden umgebracht, viele von ihnen starben in Gaskammern.

 

Dieser Massenmord gilt als einzigartiges Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs behaupteten viele Deutsche, dass sie die Katastrophe nicht hätten kommen sehen. Dabei hatten viele von ihnen schon im November 1938 die Gewalt der Nazis ­gegen Juden beobachtet – und nicht protestiert.

Felix Bohr 

 

 

 

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